Behandlung

Behandlung von Essstörungen

Essstörungserkrankungen sind psychosomatische Erkrankungen komplexer Natur, die in ihrem chronischen Verlauf unweigerlich zu körperlichen und seelischen Folgen und Komplikationen führen. Da es sich um vielschichtige Krankheitsbilder handelt, braucht es auch zur Behandlung vielschichtige, d.h. mehrdimensionale und ineinander greifende, auf das Spezifische eingehende Therapieprogramme. Da die Krankheitsbilder zur Chronifizierung neigen, sind Langzeittherapiekonzepte notwendig. Es kann hilfreich sein, wenn die Behandler die gleichen bleiben, sofern die Behandlung erfolgreich verläuft. Außerdem sind vernetzte Behandlungsstrukturen zum Erleichtern der Übergänge zwischen verschiedenen Behandlungsformen erforderlich.

Wir bieten dazu in der Klinik Lüneburger Heide für den stationären Therapieteil ein seit Jahren bewährtes mehrgleisiges Therapieprogramm an:

grafik_therapieprogramm_2016

Den ersten Baustein des Therapieprogramms bilden das Medizinische Monitoring und die medizinische Behandlung und Überwachung während der Wiederernährung und Symptomaufgabe, Eingeschlossen ist zu Beginn eine medizinische Bestandsaufnahme hinsichtlich der relevanten Folgen und Komplikationen von Essstörungen. Verlegungen in akut- und intensivmedizinische Abteilungen sind so nur in sehr seltenen Fällen und bei speziellen Problemstellungen notwendig, die eine intensivmedizinische oder anderweitig spezifische Behandlung erfodern. So kann in den allermeisten Fällen der nicht aufschiebbare essstörungsspezifische Therapieprozess im Vordergrund bleiben und sofort beginnen.

Der zweite Therapiebaustein ist die Ess-Psycho-Therapie, die es ermöglicht ohne Magensonden– oder Infusionsernährung auch Patientinnen  mit schwersten Anorexien zu behandeln (wir haben kein Mindestaufnahmegewicht und deshalb einen medizinisch-pflegerischen Überwachungsbereich) und fördern eine Gewichtszunahme von 500 – 1000 g pro Woche. Die angemessene Wiederernährung steht dabei nicht nur für die Betroffenen, sondern für das gesamte therapeutische Personal im Vordergrund und wird vom geschulten Personal (Ernährungsfachkräfte und Ernährungsmediziner) verantwortet. Es geht dabei um das Wiedereinführen eines normalen Essverhaltens mit einer der Zunahme zuträglichen Essmenge, wobei alle Patienten mit einem BMI < 12 und bestimmten Gefahrindikationen anfangs in den medizinischen Überwachungsbereich aufgenommen werden.

Damit Essen nicht weiter (auch unbewusst) dazu missbraucht wird, seelische Konflikte (vermeintlich) darüber lösen zu wollen.

SIR WILLIAM GULL, einer der Erstbeschreiber der Anorexia nervosa hat formuliert, dass man zu Wiederernährung von Anorexien Menschen braucht, die die Patienten „moralisch unter Kontrolle haben“. Übersetzt werden kann das heute dahingehend, dass es eine therapeutische Umgebung („ein antianorektisches Klima“) braucht, um das vorher berechnete Essen auch durchzusetzen. Dies geschieht durch Beziehungsaufbau mit unbelasteter Auseinandersetzung um Missverständnisse, die den Körper, seine Funktionen und die Ernährung betreffen. Es gilt dabei das große Missverständnis Essstörung aufzulösen und schuldhafte Verstrickungen zu vermindern. Wir setzen dazu konkret auf eine Essplan gestützte Wiederernährung (Kalorien- und Fett definiert) mit Betreutem Essen (anfänglicher Tellerservice und Betreuung aller Mahlzeiten) durch Ernährungsfachkräfte. Die Portionierung ist verlässlich und wird zuvor gemeinsam abgesprochen, jeder erhält seinen Essplan ausgehändigt. Die Verantwortung für die richtige Portionierung liegt beim Personal.

TÄGLICH NACH DEM MITTAGESSEN, auch Samstag und Sonntag, trifft sich ein symptombezogen arbeitende Essstörungsgruppe, in der alle Themen besprochen werden, die das Essen und den Gewichtsverlauf, das Trinken, die Bewegung und die damit verbundenen Fehlüberzeugungen betreffen. Zudem werden Symptomdruckanalysen möglichst zeitnah durchgeführt um Gegenregulationen zu vermeiden. Ein sog. „Löffeltraining“ hilft bei Portionieren lernen am Buffet und Lehrküchenveranstaltungen runden das esspsychotherapeutische Programm ab.

klh_bild_7

Bei bulimischen Patientinnen steht in den meisten Fällen nicht Gewichtszunahme im Vordergrund. Sie müssen vielmehr lernen ihr Gewicht zu halten oder gesunden Mitteln abzunehmen und gleichzeitig wieder angemessen und regelmäßig zu essen. In diesem Prozess setzen wir uns mit den Betroffenen über ihr anlagebedingtes individuelles Normalgewicht auseinander, das zumeist höher liegt als das Wunschgewicht. Dies bezieht die Auseinandersetzung mit kleinlich gesetzten , unphysiologischen Gewichtsgrenzen ein.

UNSERE PATIENTINNEN LERNEN, körperliche Folgen bulimischen Verhaltens, wie Gewichtsschwankungen, auch vorübergehende Gewichtszunahmen in den Zusammenhang mit Störungen des Hormon-, Elektrolyt- und Wasserhaushalts zu bringen und diese damit als Teil der Essstörung zu verstehen.

FÜR DIE TEILNAHME AM sporttherapeutischen Programm ist das unterste Normalgewicht (mindestens BMI 18,5, ein normaler Kaliumspiegel und ein sogenannter Gehtest) Voraussetzung. Es geht dabei um die Auseinandersetzung mit krankem Bewegungsdrang im Gegensatz zu gesunder, leistungssteigernder und fit machender körperlicher Aktivität. In niedrigeren Gewichtsbereichen ist die Teilnahme an körperbildtherapeutischen und – angepasst an die wöchentliche Gewichtszunahme – bewegungstherapeutischen Angeboten möglich; Patienten im BMI-Bereich < 12 werden im Rollstuhl gefahren, um ihnen die Teilnahme an den Therapien im Sitzen zu ermöglichen. Bettruhe mit begleitender sozialer Isolation wird so bei uns vermieden.

ZUM ERREICHEN einer Gewichtszunahme ist eine Bewegungsreduktion sinnvoll, um den Kalorienverbrauch möglichst gering zu halten und so auch die notwendige tägliche Menge an Essen. Der Wiederernährungsprozess wird so leichter gemacht. Gleichzeitig geht es aber auch darum, dass die Patientinnen sich ohne körperliche Aktivität aushalten lernen bzw. diese nicht ausschließlich oder vorwiegend einsetzen, um unangenehme Gefühle zu regulieren. Wir wollen die neurotische und im Falle exzessiven Bewegundsdrangs gefährliche Schuldverstrickung auflösen und den Glauben, sich Essen erst verdienen zu müssen, abändern.

DER PSYCHOTHERAPIEPROZESS findet vorzugsweise in Gruppen statt, die sich aus essgestörten Mitpatientinnen  zusammensetzen. Damit kann einem gravierenden Symptom der Essstörungserkrankung, dem sozialen Rückzug bis hin zur sozialen Isolierung, von Anfang an wirksam begegnet werden. Durch die Gruppenarbeit wird zusätzlich ein therapeutisch geführtes Unterstützungssystem innerhalb der verstehenden und verständnisvollen Mitpatientinnen auch über die allgemeinen Therapiezeiten hinaus aufgebaut und der soziale Rückhalt untereinander gefördert, was auch für die altersentsprechende gesund Ablösung von den Eltern hilfreich ist. Die Therapiegruppe ist das Zentrum der sozialen Verankerung innerhalb der Klinik und gleichzeitig der wichtigste Ort der Problemauseinandersetzung, zur Überwindung des essgestörten Verhaltens. Die vollständige und anhalnteden Überwindung des essgestörten Verhaltens, auch in Konfliktsituationen, muss Ziel der stationären Therapie sein.

Einzelpsychotherapien begleiten den im Vordergrund stehenden Gruppentherapieprozess, dies vor allem auch in Krisensituationen oder für spezielle Problematiken und der Auseinandersetzung mit Traumatisierungen.

Spezifisch ist der Therapieprozess durch das zentrale Anliegen des gemeinsamen Begreifenlernens dessen, wofür die Essstörung steht und was folglich der Überwindung im Wege steht. In diesen Prozess werden auch die wichtigen Angehörigen miteinbezogen, sowohl in familien- und paartherapeutischen Sitzungen als auch innerhalb unserer Eltern-Kind-Therapie-Wochen. Es findet zudem eine Klärung und Auseinandersetzung um die weitere poststationäre Lebens- und Perspektivplanung der Betroffenen statt. In einzelnen Fällen sind begleitende Traumatherapiesitzungen mit Behandlungen erforderlich, wenn Traumafolgestörungen die Überwindung der Essstörung behindern, wobei diese Patientinnen dabei insbesondere von der konsequenten Aufrechterhaltung der Wiederernährung profitieren.

ALLE THERAPIESTRÄNGE werden ineinander greifend und ineinander übergehend eingesetzt und beinhalten im weiteren die Kunst- und Körperbildtherapie, die Entspannungstherapie, das Skillstraining und Einzelcoachingeinheiten, die angeleitete Sporttherapie (inklusive der Möglichkeit zum Gerätetraining) und den Einbezug unserer Sozialarbeiterin. Diese begleitet von Beginn an die Therapie und hilft bei der Organisation der poststationären Nachsorge im Sinne eines Langzeittherapieplans. So lässt sich die hohe Rückfallgefährdung und damit Chronifizierung effektiver eingrenzen.

Außerdem finden ein bis zweimal jährlich unsere Samstagsbrunchveranstaltungen (Informationsveranstaltungen, Ehemaligentreffen und „Tag der offenen Tür“) statt.

klh_bild_8