Essstörungen

Essstörungen sind häufig auftretende psychosomatische Erkrankungen. Sie haben bei Mädchen und Frauen eine hohe Relevanz krankheitsbedingter Einschränkungen des altersentsprechenden Lebens und damit einen Verlust an normalen Entwicklungsjahren.  Sie haben damit einen hohen Stellenwert unter den psychosomatischen Krankheiten, auch da sie zum einen bevorzugt im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter auftreten und zum anderen zur Chronifizierung neigen.

Essstörungen sind Krankheiten psychischen Ursprungs mit einem (nach heutiger Sicht) hohen genetischen Anteil und zum Teil erheblichen körperlichen und auch seelischen Folgen. Wir zählen sie nicht zu den Suchterkrankungen im engeren Sinne, obwohl von den Betroffenen suchtartige Verhaltensweisen beschrieben werden. Essen kann nicht ohne weiteres als Suchtmittel aufgefasst werden und eine Abstinenz vom Suchtmittel ist bei Essstörungen naturgemäß wenig möglich.

Essstörungen sind nicht nur ein Schlankheitstick, eine Pubertäts- oder Lebenskrise – sie sind gefährliche psychische Erkrankungen mit Störungen der Wahrnehmung, des Ich-Erlebens, Denkens, Fühlens und Verhaltens. In Situationen mit einem (auch nur subjektiv) nicht mehr funktionierenden Leben und dem zentralen Gefühl ’nicht zu genügen‘ werden sie typischerweise offenkundig. Die gelebte Essstörungssymptomatik weist auf das Ausmaß der inneren Not der Betroffenen hin und deren eigene Unfähigkeit mit dem Leben und seinen altersentsprechenden Anforderungen und den dabei auftretenden (inneren und äußeren) Konflikten fertig zu werden.

»Ein alles durchdringendes Gefühl eigener Unzulänglichkeit«

so hat Hilde Bruch, eine Pionierin in der Essstörungstherapie, das bezeichnet, was alle von einer Essstörung Betroffenen gemeinsam haben; sie halten typischerweise nicht viel von sich und erwarten sich Besserung im Verändern des Körpers hin zu einem niedrigeren Gewicht. »Dünn sein und die Knochen treten hervor, bedeutet inneres Schwachsein zu zeigen und gleichzeitig Stärke beweisen«, so hat es eine Patientin mit einer Magersucht vortrefflich beschrieben. „Ich schlinge Essen in mich hinein und erbreche es wieder, womit ich mich tröste, angestauten Frust loswerde und Anspannung reduziere, aber auch um mein (für mich) zu hohes Körpergewicht zu reduzieren“, so eine bulimische Patientin.

Patientinnen mit einer Bulimie streben ein Gewicht im unteren Normal- oder Untergewichtsbereich an mit selbst auferlegten kleinlichen Gewichtsgrenzen, wobei die seelische Befindlichkeit davon abhängig gemacht wird und oft diesem Diktat unterliegt. Sie erbrechen nach Essanfällen, die durch Diäten und Auslassen von Mahlzeiten ausgelöst werden können. Sie erbrechen aber auch nach normalen oder kleinen Mahlzeiten, um dem (prinzipiell gegebenen und für sie immer drohenden) dick machenden Effekt von Nahrung entgegenzuwirken, aber auch um Trost und Erleichterung im Sinne von Spannungsabbau zu erfahren – da gesündere Alternativen fehlen. Den von einer Anorexie Betroffenen ist ihr Gewicht nie niedrig genug, was das Lebensbedrohliche dieser Erkrankung ausmacht, da sich diese Einstellung nicht ändert, sondern sogar noch verstärken kann, auch wenn das Gewicht immer weiter und sogar bis in lebensbedrohlich niedrige Bereiche reduziert wird.

Esstörungen machen die innere Not der Betroffenen nach außen sichtbar

Menschen, die eine Essstörungserkrankung entwickeln, brauchen unabhängig von Alter, Geschlecht und Lebenssituation in der sie auftritt umfangreiche und umfassende, aber auch spezifische therapeutisch Unterstützung; sie zeigen an, dass es so nicht weitergehen kann, sie aber selbst zu einer gesünderen Lösung nicht in der Lage sind. Häufig bestehen dabei ein überbetontes Schuld- und Schamerleben, Autonomie-/Abhängigkeitskonflikte und nach neueren Untersuchungen oft auch ein auffällig Detail fokussierter Denkstil mit wenig Flexibilität und damit zu wenig eigenen Veränderungsmöglichkeiten.

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